Star Wars und Pantheismus

Auch ich habe mir nun den neuen Star Wars-Film angesehen; ein wenig gegen meine Überzeugung – ich bin eher Star Trek als Star Wars-Fan. Aber wie das so geht. Einige Freunde und Bekannte wollten rein, ich hatte Zeit und nichts Besseres zu tun, also ab ins Kino. Und wie ich fast widerwillig konstatiere: Ich war zufrieden. Das war keine große Filmkunst, aber doch solide Unterhaltung; ich habe das Kino befriedigt verlassen. Harrison Ford war sehr gut (vielleicht eine Spur zu routiniert), die anderen schauspielerisch eher mittelmäßig, aber für einen Actionfilm allemal ausreichend.

Was mir aber, während ich den Film sah, erstmals auffiel, ist folgendes: In der populären Kultur breitet sich immer mehr eine Art Vulgärpantheismus aus. „Pantheismus“ ist eine auf Baruch Spinoza zurückgehende philosophische Lehrmeinung, die Gott mit der Welt identifiziert. Das Göttliche – so Spinoza – manifestiere sich in der Welt und insbesondere im Menschen. Der Mensch ist also ein Teil Gottes. Gerade in Deutschland war der Pantheismus unter Intellektuellen zeitweise recht verbreitet: Goethe etwa bekannte sich zu ihm, Heine bezeichnete den Pantheismus gar als „die verborgene Religion Deutschlands“. Auch Schopenhauer war – wie ich anderswo gezeigt habe – im Grunde Pantheist. Was er als „Willen“ bezeichnet, ist nichts anderes als der pantheistische Gott.

Wenn sich freilich Gott im Menschen manifestiert, dann liegt der Gedanke nahe, dass er dies in unterschiedlich hohem Grade tun kann, daß es eben Menschen gibt, die „göttlicher“ als andere sind (Auch diese Vorstellung findet sich schon bei Schopenhauer, man lese seine Abhandlung über den Willen in der Natur). Da ist es nicht weit zu der Idee, daß eben manche Menschen mit „über“-menschlichen, mit quasi göttlichen Kräften begabt sind, und schon sind wir bei Tolkiens Gandalf, Rawlings Harry Potter und den Jedis aus Star Wars.

Immer ist es eine innere, unerklärliche, irgendwie magische Kraft oder Gabe, über welche diese Ausnahmemenschen verfügen, die sie eben befähigt, Dinge zu tun, Leistungen zu vollbringen, welche dem „Normalmenschen“ nicht möglich sind. Dabei erscheint diese Kraft als doch irgendwie unabhängig von ihrem Träger, als lediglich graduell, keineswegs völlig beherrschbar. Sie ist eben nichts, was dem Träger allein gehören würde, sie ist Teil eines größeren Ganzen, eben Gottes.

Ich weiß nicht Recht, was ich davon halten soll. Wie viele derartige Spekulationen ist auch der Pantheismus weder beweisbar noch widerlegbar. Zudem hat er in der philosophisch-theologischen Diskussion nur geringe Ähnlichkeit mit den populären Ausprägungen des Pantheismus, wie sie in den genannten Beispielen sichtbar sind. Gerade aber die Popularität derartiger Filme und Bücher macht deutlich, daß sie offenbar ein verbreitetes Bedürfnis befriedigen, daß dieser Vulgärpantheismus beim Publikum auf Verständnis stößt, eine Saite zum Klingen bringt.

Psychologisch dient der Vulgärpantheismus der psychischen Entlastung des Menschen, er ermöglicht ihm, mit den im Verlauf des Lebens unvermeidlich eintretenden Enttäuschungen, Misserfolgen und Niederlagen fertig zu werden. Die Moderne sagt dem Menschen: „Du kannst alles werden, alles erreichen, alles machen“. Das ist ja nicht einmal falsch; in jedem Bereich der Gesellschaft gibt es immer einzelne, die erfolgreich sind, die reich, berühmt, prominent werden. Freilich, auf jeden, der es schafft, kommen viele, die es nicht schaffen. Man nehme Harrison Ford. Durch sein Talent hat er eine große Karriere gemacht, ist reich und berühmt geworden, kann sich seine Rollen aussuchen. Er hat jedoch zahlreiche Kollegen, die sich ihr Leben lang von einer kleinen Statistenrolle zur nächsten durchhangeln. Wer da nicht vor Neid zerfressen werden will, der findet einen gewissen Trost darin, dass er sich sagt: „Der Harrison Ford ist eben einfach so begabt, dagegen kann ein Normalsterblicher nicht ankommen“. Genauso sagt sich der kleine Klonkrieger, wenn er von Luke Skywalker so en passant um einen Kopf kürzer gemacht wird: „Was soll ich machen, die Macht ist eben mit ihm“.

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Autor: Stefan O. W. Weiss

Leon de Winter zählte die Kolumnen von David P. Goldman, besser bekannt unter seinem nom de plume „Spengler“, „zu den allerinteressantesten, die es weltweit zu lesen gibt“. Seine Texte, die er meist in „Asia Times“ und „PJMedia“ veröffentlicht, haben eine Leserschaft gefunden, die in die Hunderttausende geht. Er behandelt so verschiedene Themen wie Philosophie, Literatur, Wirtschaftswissenschaften, Theologie, Strategie, Weltpolitik, Musik und andere mehr mit gleicher Souveränität und Kompetenz. In Deutschland ist er ein Geheimtipp geblieben, bedauerlicherweise, da er ein vorzüglicher Kenner der deutschen Geistesgeschichte ist. Seine Essays über Wagner, Goethe, Schiller seien doch wenigstens en passant erwähnt. Um dem deutschen Leser die Lektüre zu erleichtern, beabsichtige ich, in diesem Blog seine Texte fortlaufend in Deutsche zu übersetzen. Ich habe dieses Projekt seit einigen Monaten verfolgt, der erste hier auf Deutsch veröffentliche Text stammt vom Oktober 2015. In den kommenden Wochen gedenke ich, seine nachfolgenden Texte in chronologischer Reihenfolge zu veröffentlichen, bis der Anschluss zu Gegenwart erreicht ist.

6 Kommentare zu „Star Wars und Pantheismus“

  1. Oha, wie erfreulich!
    Off Topic: Können die Inhalte des alten Blogs noch irgendwo gelesen werden? Oder muss ich davon ausgehen, dass nicht nur des Menschen Leben flüchtig und nichtig ist, sondern auch sein Blog? Dabei hieß es doch dereinst: Das Internet vergisst nichts.

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  2. Eine höhere Instanz als Ausrede für die eigenen Unzulänglichkeiten. Interessant denn für andere Menschen ist es Gottes Wille.
    Sich zu erklären entspringt doch eher dem Ego wobei es den eigentlichen Pantheismus eher genau um genau das gegenteilige geht. Das man sich als Teil des Ganzen betrachtet.
    Die Erkenntnis dazu liegt ironischer Weise im Innersten selbst.

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