Stell dir vor, es ist Krieg und keinen interessiert’s

 

Was nicht berichtet wird, ist manchmal interessanter, als was berichtet wird. Gestern stieß ich in SPON eher zufällig auf einen kurzen Artikel über die deutschen Tornados, die als Aufklärer gegen ISIS eingesetzt werden. Da fiel mir auf, dass hier in Frankreich kaum etwas über die Einsätze der französischen Luftwaffe bzw. des französischen Flugzeugträgers, der „Charles de Gaulle“, berichtet wird. Seit Ende Dezember bildet sie den Kern eines Kampfverbandes (zu dem auch eine deutsche Fregatte gehört), der täglich Luftangriffe auf Stellungen des ISIS in Syrien und im Irak fliegt. Nicht nur die deutschen Medien, auch die französischen berichten kaum darüber. Man sollte doch meinen, dass diese Einsätze zumindest in Frankreich auf höchstes Interesse stießen, sie Gegenstand intensiver Berichterstattung wären. Tanguy und Laverdure im Kampf gegen den Islamismus – was für ein Stoff für Reporter, Presse, Funk und Fernsehen. Stattdessen: gähnende Leere. „Le Monde“, die wichtigste französische Tageszeitung und Nachrichtenwebsite, berichtet über alle nur denkbaren Themen, nicht aber über dieses. Auch in „Liberation“ (eher links) und „Figaro“ (eher rechts) ist nichts zu finden. Das liegt nicht daran, dass etwa die französische Regierung etwas geheim halten will; wenn man gezielt sucht, dann findet man durchaus entsprechende Informationen. Aber eben nur, wenn man danach sucht; wenn man sich lediglich einfach so informieren will, was es Neues gibt in der Welt, lassen die üblichen französischen Informationsquellen einen im Stich. Vermutlich wissen zahlreiche Franzosen überhaupt nicht, dass diese Einsätze stattfinden, bzw. haben sie schon wieder vergessen, da sie nicht täglich daran erinnert werden. Das ist bizarr. Da ist ein regelrechter Krieg im Gange, aber (fast) niemand nimmt ihn zur Kenntnis.

Wie gesagt, dass liegt nicht daran, dass etwas verschwiegen werden soll, nein, der Grund ist offensichtlich ein anderer, der immerhin Anlass zur Besorgnis gibt. Offensichtlich hat man in Frankreich Angst, die Muslime in Frankreich könnten sich mit ISIS solidarisieren. Den sowieso sehr brüchigen sozialen Frieden will man nicht belasten. Heldenepen über französische Soldaten, die islamische Glaubenskrieger bekämpfen, sind daher nicht gefragt.

Aber es gibt noch einen tieferen Grund. Der Westen erträgt generell die Vorstellung des Krieges, der Grausamkeit, des Massakers nicht mehr. Wir haben hier sozusagen das französische Gegenstück zur deutschen Flüchtlingspolitik. Ebenso wenig wie man in Deutschland den Gedanken an ertrinkende Flüchtlinge erträgt, so wenig in Frankreich den Gedanken an bombardierte Städte und Dörfer. Der Krieg hat kaum begonnen, und schon liegen im Westen die Nerven blank.

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Autor: Stefan O. W. Weiss

Leon de Winter zählte die Kolumnen von David P. Goldman, besser bekannt unter seinem nom de plume „Spengler“, „zu den allerinteressantesten, die es weltweit zu lesen gibt“. Seine Texte, die er meist in „Asia Times“ und „PJMedia“ veröffentlicht, haben eine Leserschaft gefunden, die in die Hunderttausende geht. Er behandelt so verschiedene Themen wie Philosophie, Literatur, Wirtschaftswissenschaften, Theologie, Strategie, Weltpolitik, Musik und andere mehr mit gleicher Souveränität und Kompetenz. In Deutschland ist er ein Geheimtipp geblieben, bedauerlicherweise, da er ein vorzüglicher Kenner der deutschen Geistesgeschichte ist. Seine Essays über Wagner, Goethe, Schiller seien doch wenigstens en passant erwähnt. Um dem deutschen Leser die Lektüre zu erleichtern, beabsichtige ich, in diesem Blog seine Texte fortlaufend in Deutsche zu übersetzen. Ich habe dieses Projekt seit einigen Monaten verfolgt, der erste hier auf Deutsch veröffentliche Text stammt vom Oktober 2015. In den kommenden Wochen gedenke ich, seine nachfolgenden Texte in chronologischer Reihenfolge zu veröffentlichen, bis der Anschluss zu Gegenwart erreicht ist.

7 Kommentare zu „Stell dir vor, es ist Krieg und keinen interessiert’s“

  1. Wir leben eben in einem postheroischen Zeitalter. Vielleicht gibt es aber noch einen weiteren Grund für die Nichtbeachtung: Was soll man denn bei diesem Krieg zeigen? Es gibt keine schönen Bilder von massenhaft zerstörten Panzern, absaufenden Schlachtschiffen oder abgeschossenen Langstreckenbombern. Die Studienräte können nicht, wie dereinst im Zweiten Weltkrieg, den Frontverlauf mit Stecknadeln an der Wandkarte abstecken. Kurz gesagt: Der Krieg ist optisch lang-wei-lig. Da wendet man sich doch lieber der Frisur von Ibrahimovic zu.

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    1. Das läge an den Berichterstattern. Ich fürchte – de facto – ist Krieg immer eine ziemlich langweilige Sache gewesen (man lese etwa Orwells „Mein Katalonien“). Aber da gibt es begnadete Schreiber, Autoren, Filmer, Kriegsberichterstatter, die der Realität zu Hilfe kommen und Spannung in die Geschichte bringen. Lies mal Tanguy und Laverdure.

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      1. Klar, Krieg ist langweilig; das wird jeder bestätigen, der auch nur seinen Wehrdienst bei der Bundeswehr geleistet hat. Um ihn marktgerecht zu verkaufen, bedarf es der Bilder. Bücher liest doch keiner mehr. Die Bismarck beim Feuern einer Breitseite, ein Königstiger mit Vollgas in der kaukasischen Steppe – das läßt Männerherzen höher schlagen.
        Was aber will man denn vom Nahen Osten zeigen? Die einen fahren Toyota-Geländewagen wie jede Mittelschichtsmutti auf dem Weg in den Kindergarten, die andern haben vier Tornados, von denen man nicht einmal Nachtaufnahmen machen kann. Wenn das der Führer wüsste! Selbst Goebbels könnte daraus keine mitreißende Show machen.
        Und was Tanguy und Laverdure betrifft: Die haben doch schon vor Jahren den Krempel hingeworfen und sind in die zivile Luffahrt gewechselt.

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  2. jetzt wo ich deinen beitrag lese fällt mir auf, auch in deutschland wird darüber nicht berichtet, es sei man sucht danach, aber in offiziellen medien wie funk und fernsehen… nix.
    das hat sicher etwas zu bedeuten.

    allerdings sind flüchtlinge, die sich an frauen vergreifen offensichtlich eine bessere geschichte.

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