Johannes Haller 2

 

Ich habe mittlerweile die Biographie Hallers von Hasselhorn wie auch seine Edition von Hallers Briefen gelesen. Insgesamt eine faszinierende Lektüre. Mal staunt man über Hallers Klar- und Hellsicht, dann schreibt er wieder den größten Unsinn. Da sieht man exemplarisch, wie schwer es selbst für hochintelligente Menschen war (und ist), sich ein einigermaßen zutreffendes Bild ihrer eigenen Zeit zu machen. Das gilt insbesondere für die zwei Weltkriege. Was den Ersten betrifft, war Haller vielfach sehr klarsichtig, über den Zweiten findet man bei ihm meist nur noch Kannegießerei. Da war er freilich bereits ein alter Mann und im Ruhestand, seine alten Netzwerke existierten nicht mehr oder waren selbst auf dem Abstellgleis.

Interessant seine Stellung zu Hitler und den Nazis. Er verabscheute die Nazis und hielt zugleich Hitler für einen großen Mann, der seine (Hallers) Loyalität und Unterstützung verdiente. Das kommt uns heute absurd oder schizophren vor, war damals aber gar nicht selten. In dem sehr guten Buch von Howard K. Smith, „Feind schreibt mit“, findet man eine ganz ähnliche Beobachtung. Smith war ein amerikanischer Journalist, der bis Ende 1941, also bis zum Kriegseintritt der USA, in Deutschland lebte, und dann ein Buch über seine Erlebnisse schrieb. Er schildert die Deutschen als freundliche hilfsbereite Menschen, mit denen man bestens auskommen könne, die sich aber erschreckend veränderten, wenn sie eine Uniform anhätten oder ein staatliches Amt bekleideten.

Den Schlüssel für Hallers Verhalten bietet hier eine Stelle aus seinen Briefen, wo er sinngemäß schreibt, der Staat an sich sei nicht unmoralisch, sondern vielmehr amoralisch. D. h. der Staat folge seinem eigenen Lebensgesetz, das nicht unter die Moralgesetze falle. Staatliches Handeln stehe somit außerhalb der Moral. Hallers Verhalten im Dritten Reich ist bezeichnend. Während er Hitler verehrte und unterstützte, war er zugleich in der Bekennenden Kirche und setzte sich für jüdische Kollegen ein. Dabei sagt er kein Wort über die Verbrechen der Nazis. Bemerkte er sie nicht oder hielt er sie als staatliches Handeln für gerechtfertigt?

Hasselhorns Biographie ist gut, er ist Haller wirklich gerecht geworden. Zu kritisieren hätte ich höchstens, dass man manches gern genauer gewußt hätte. Insbesondere Hallers Beziehung zu Max Weber, die zeitweise sehr eng war, wird leider kaum behandelt. Ihr gemeinsamer Bezugspunkt war Friedrich Naumann, der in den ersten Jahren nach der Jahrhundertwende versuchte, eine Art Integration der Arbeiter in das wilhelminische Deutschland zu erreichen, sozusagen eine Art Synthese aus Liberalismus und Sozialdemokratie. Das war in der Tat das wohl drängendste Problem des Kaiserreichs, und wirkte bis in die Weimarer Republik fort.

Erst durch den Ersten Weltkrieg zerbrach die Fast-Freundschaft von Haller und Weber. Weber wurde Demokrat, Haller Antidemokrat. Man merkt, daß Haller Max Weber als Stachel empfand; er verdammt ihn in stärksten Ausdrücken, kommt aber immer wieder auf ihn zurück. Wenn man Haller mit Faust vergleicht, dann war Weber sein Mephistopheles. Dabei meine ich Mephistopheles natürlich nicht als Teufel, sondern als Gegenpol zur eigenen Persönlichkeit.

Als Fazit bleibt festzuhalten: Es ist die bei Haller zutage tretende Vergötzung des Staates, die ich nachgerade für den Grundfehler der Deutschen halte. Er ist das goldene Kalb, um das die Deutschen tanzen. Sowohl Nationalsozialismus als auch Kommunismus kann man als Amokläufe wildgewordener Staatsapparate auffassen. Erstaunlich, daß die Deutschen selbst durch zwei Weltkriege, Auschwitz und DDR nicht klüger geworden sind. Der Staat bzw. Mutti wird es schon richten.

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Autor: Stefan O. W. Weiss

Leon de Winter zählte die Kolumnen von David P. Goldman, besser bekannt unter seinem nom de plume „Spengler“, „zu den allerinteressantesten, die es weltweit zu lesen gibt“. Seine Texte, die er meist in „Asia Times“ und „PJMedia“ veröffentlicht, haben eine Leserschaft gefunden, die in die Hunderttausende geht. Er behandelt so verschiedene Themen wie Philosophie, Literatur, Wirtschaftswissenschaften, Theologie, Strategie, Weltpolitik, Musik und andere mehr mit gleicher Souveränität und Kompetenz. In Deutschland ist er ein Geheimtipp geblieben, bedauerlicherweise, da er ein vorzüglicher Kenner der deutschen Geistesgeschichte ist. Seine Essays über Wagner, Goethe, Schiller seien doch wenigstens en passant erwähnt. Um dem deutschen Leser die Lektüre zu erleichtern, beabsichtige ich, in diesem Blog seine Texte fortlaufend in Deutsche zu übersetzen. Ich habe dieses Projekt seit einigen Monaten verfolgt, der erste hier auf Deutsch veröffentliche Text stammt vom Oktober 2015. In den kommenden Wochen gedenke ich, seine nachfolgenden Texte in chronologischer Reihenfolge zu veröffentlichen, bis der Anschluss zu Gegenwart erreicht ist.

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