Ist Ted Cruz der neue Ronald Reagan?

Spengler bzw. David P. Goldman engagiert sich momentan sehr für Ted Cruz (hier) und (hier), den er für den besten unter den amerikanischen Präsidentschaftskandidaten hält. Seine Argumente scheinen mir durchaus überzeugend; wäre ich Amerikaner, würde ich für Cruz stimmen. Allerdings habe ich doch eine kleine reservatio mentalis, die ich nicht unterdrücken kann. Spengler hat seine prägenden Erfahrungen als Mitglied der Reaganregierung gemacht, für ihn ist Reagan der große Präsident, der Maßstab, an dem er alle seitherigen Präsidenten misst. Cruz hat ebenfalls Reagan zu seinem Vorbild erkoren, er stilisiert sich auch in seiner Wahlkampagne als Nachfolger, als Sachwalter Reagans auf Erden, was wiederum Spenglers Beifall findet. Gut, warum auch nicht?

Das Problem ist aber, dass Cruz nicht Reagan ist. Er wird vielleicht manches oder vieles oder auch alles so machen, wie Reagan es seinerseits gemacht hätte, aber das wird man nie sicher sagen können. Der Fürst von Bülow merkt an einer Stelle in seinen Memoiren an, in der Politik wäre nichts gefährlicher, als nach einem simile zu arbeiten, sich bei seinem Handeln an einer früheren, ähnlichen Situation zu orientieren. Er spielte auf die Balkankrise von 1914 an, als Bethmann-Hollweg sich offenbar an Bülows Handeln in einer vorangegangenen Balkankrise orientiert hatte – mit desaströsen Folgen.

Und das ist noch nicht alles. Wie in meinem vorigen Beitrag erwähnt, beschäftige ich mich zur Zeit mit Johannes Haller. Für den war Bismarck die große politische Erfahrung gewesen, der Maßstab, den er an alle deutschen Politiker anlegte. In Hitler glaubte er, einen neuen Bismarck gefunden zu haben. Ähnliches galt wohl für gar nicht wenige seiner Landsleute.

Gut, ich will hier keine reductio ad Hitlerum betreiben, aber als kleine Warnung mag dies doch dienen. Wenn Ted Cruz zum neuen Präsidenten gewählt werden sollte, wird man einen Ted Cruz, keinen Ronald Reagan bekommen.

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Autor: Stefan O. W. Weiss

Leon de Winter zählte die Kolumnen von David P. Goldman, besser bekannt unter seinem nom de plume „Spengler“, „zu den allerinteressantesten, die es weltweit zu lesen gibt“. Seine Texte, die er meist in „Asia Times“ und „PJMedia“ veröffentlicht, haben eine Leserschaft gefunden, die in die Hunderttausende geht. Er behandelt so verschiedene Themen wie Philosophie, Literatur, Wirtschaftswissenschaften, Theologie, Strategie, Weltpolitik, Musik und andere mehr mit gleicher Souveränität und Kompetenz. In Deutschland ist er ein Geheimtipp geblieben, bedauerlicherweise, da er ein vorzüglicher Kenner der deutschen Geistesgeschichte ist. Seine Essays über Wagner, Goethe, Schiller seien doch wenigstens en passant erwähnt. Um dem deutschen Leser die Lektüre zu erleichtern, beabsichtige ich, in diesem Blog seine Texte fortlaufend in Deutsche zu übersetzen. Ich habe dieses Projekt seit einigen Monaten verfolgt, der erste hier auf Deutsch veröffentliche Text stammt vom Oktober 2015. In den kommenden Wochen gedenke ich, seine nachfolgenden Texte in chronologischer Reihenfolge zu veröffentlichen, bis der Anschluss zu Gegenwart erreicht ist.

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