Hippias, Mephistopheles und Severus Snape

Neulich blätterte ich wieder mal im „Aristipp“, einem Roman von Christoph Martin Wieland. Wieland ist einer der deutschen Klassiker, steht aber im Schatten von Schiller und Goethe. Dabei ist Wieland, wie Arno Schmidt treffend bemerkt hat, den beiden als Prosaiker weit überlegen. Aristipp war ein antiker griechischer Philosoph, einer der Schüler des Sokrates, der aber immer etwas im Zwielicht stand, der nie wirklich hundertprozentig dazugehörte, dessen Werke – eben darum – auch nicht erhalten geblieben sind. Wieland war offensichtlich fasziniert von ihm, hat ihm zum Helden seines wohl besten Romans gemacht. Es läßt Aristipp immer hin- und herschwanken zwischen Sokrates und Hippias. Dieser Hippias ist sozusagen der böse Bube der antiken Philosophiegeschichte. Man zählte ihn zu den „Sophisten“, was auch damals einen negativen Beiklang hatte. Den Sophisten ging es (so behaupteten die Philosophen) um’s Geld, um Macht, um Prestige, während die echten Philosophen (wie sie selbst behaupteten) nur nach dem Wahren, Guten, Schönen strebten. Bei Wieland verkehrt Aristipp mit beiden, lernt von beiden, geht aber letztlich seinen eigenen Weg, wird weder Sokratiker, noch Hippianer. Dabei ist Aristipps Beziehung zu Hippias aber die eigentlich interessante und produktive. Den Sokrates bewundert er, blickt zu ihm auf, orientiert sich an seinem Beispiel. Von Hippias dagegen fühlt er sich herausgefordert, auf die Probe gestellt, muß seine noch unreifen und ungefestigten Meinungen und Überzeugungen gegen intelligente und wohlbegründete Kritik behaupten. Das ist es aber, was ihn weiterbringt, ihn wachsen läßt. Große Geister bilden sich aneinander nicht durch Assimilation, sondern durch Reibung, hat Heine einmal gesagt.

In ganz ähnlicher Weise hat Goethe die Beziehung von Faust und Mephistopheles gezeichnet. Ihre Beziehung (nicht die von Faust und Gretchen) ist es, die im Mittelpunkt von Goethes bedeutendstem Werk steht. Mephistopheles fordert Faust beständig heraus, verspottet ihn, stellt ihn in Frage. Und was ist die Folge? Faust, der trübe in seiner Studierstube vor sich sumpfte, wird auf einmal wieder aktiv, fühlt sich jünger, wächst, indem er gegen Mephistopheles ankämpft.

Und gleich noch das dritte Beispiel: Harry Potter. Die eigentlich zentrale Gestalt für Harry ist nicht Dumbledore, nicht Voldemort, nicht Ron und Hermine, sondern Severus Snape. Der ist überhaupt der heimliche Star des Buches, die einzige Figur, die wirklich Tiefe hat. Die Abneigung, der Haß zwischen Potter und Snape ist das movens, das den Roman im allgemeinen und Harry Potter im Besonderen antreibt, ihn sich entwickeln läßt.

Wir haben hier auf individueller Ebene das, was ich in einem früheren Beitrag als das Prinzip der Dialektik bezeichnet habe. Nur da, wo Spannung ist, wo es ein Plus und ein Minus gibt, fließt Energie. Ich selbst habe das mehrfach erlebt. Nicht die Lehrer, mit denen wir übereinstimmen, nein, die die uns herausfordern, die uns infragestellen, sind die, die uns weiterbringen.

Die Moral von der Geschicht: Sucht euch einen Hippias, einen Mephistopheles, einen Snape!

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Autor: Stefan O. W. Weiss

Leon de Winter zählte die Kolumnen von David P. Goldman, besser bekannt unter seinem nom de plume „Spengler“, „zu den allerinteressantesten, die es weltweit zu lesen gibt“. Seine Texte, die er meist in „Asia Times“ und „PJMedia“ veröffentlicht, haben eine Leserschaft gefunden, die in die Hunderttausende geht. Er behandelt so verschiedene Themen wie Philosophie, Literatur, Wirtschaftswissenschaften, Theologie, Strategie, Weltpolitik, Musik und andere mehr mit gleicher Souveränität und Kompetenz. In Deutschland ist er ein Geheimtipp geblieben, bedauerlicherweise, da er ein vorzüglicher Kenner der deutschen Geistesgeschichte ist. Seine Essays über Wagner, Goethe, Schiller seien doch wenigstens en passant erwähnt. Um dem deutschen Leser die Lektüre zu erleichtern, beabsichtige ich, in diesem Blog seine Texte fortlaufend in Deutsche zu übersetzen. Ich habe dieses Projekt seit einigen Monaten verfolgt, der erste hier auf Deutsch veröffentliche Text stammt vom Oktober 2015. In den kommenden Wochen gedenke ich, seine nachfolgenden Texte in chronologischer Reihenfolge zu veröffentlichen, bis der Anschluss zu Gegenwart erreicht ist.

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