Theorie der relativen (männlichen) Tugendhaftigkeit

Wenn ich mich recht entsinne, dann war es der Conte Fosco in dem sehr lesenswerten Roman „Die Frau in Weiß“ von Wilkie Collins, dem ich folgende Einsicht verdanke: Die Frauen beurteilen uns Männer oft ungerecht, weil sie immer nur das beurteilen, was wir tun, aber nie, was wir tun könnten. Man nehme mich als Beispiel. Heute beispielsweise hätte ich unschwer meine Gemahlin verhauen, meine Kinder ohrfeigen und den lahmarschigen Fußgänger, der da, ohne nach rechts und links zu gucken, einfach über die Straße schlurfte, überfahren können. Aber ich habe es – unter Aufbietung all meiner übermenschlichen Selbstbeherrschung – nicht getan. Und anstatt mich für meine außerordentliche Tugendhaftigkeit zu loben, zu rühmen und zu preisen, sagt niemand ein Wort. In solchen Fällen sage ich mir immer: Auch unser Heiland wurde verkannt, mußte leiden und gekreuzigt werden; ich kann nicht verlangen, daß es mir besser geht als ihm. Nun mag der ein oder andere einwenden, daß das doch auch umgekehrt für die Frauen gelte. Das stimmt aber nicht. Weder hätte meine Gemahlin mich verhauen (ich bin stärker), noch meine Kinder mich ohrfeigen (auch hier bin ich stärker), noch der Fußgänger mich überfahren können (Fußgänger können keine Autos überfahren).

Kurzum: Wie relativ tugendhaft erscheine ich doch, wenn man bedenkt, was ich alles hätte tun können, aber nicht getan habe. Eigentlich hätte das mindestens ein Bundesverdienstkreuz verdient.

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Autor: Stefan O. W. Weiss

Leon de Winter zählte die Kolumnen von David P. Goldman, besser bekannt unter seinem nom de plume „Spengler“, „zu den allerinteressantesten, die es weltweit zu lesen gibt“. Seine Texte, die er meist in „Asia Times“ und „PJMedia“ veröffentlicht, haben eine Leserschaft gefunden, die in die Hunderttausende geht. Er behandelt so verschiedene Themen wie Philosophie, Literatur, Wirtschaftswissenschaften, Theologie, Strategie, Weltpolitik, Musik und andere mehr mit gleicher Souveränität und Kompetenz. In Deutschland ist er ein Geheimtipp geblieben, bedauerlicherweise, da er ein vorzüglicher Kenner der deutschen Geistesgeschichte ist. Seine Essays über Wagner, Goethe, Schiller seien doch wenigstens en passant erwähnt. Um dem deutschen Leser die Lektüre zu erleichtern, beabsichtige ich, in diesem Blog seine Texte fortlaufend in Deutsche zu übersetzen. Ich habe dieses Projekt seit einigen Monaten verfolgt, der erste hier auf Deutsch veröffentliche Text stammt vom Oktober 2015. In den kommenden Wochen gedenke ich, seine nachfolgenden Texte in chronologischer Reihenfolge zu veröffentlichen, bis der Anschluss zu Gegenwart erreicht ist.

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