Die deutsche Politik und die Lindenstraße

Kennt ihr das? Rein zufällig stoßt ihr auf die Meldung, dieser oder jener Prominente sei verstorben, und ihr fragt euch unwillkürlich: „Ach der lebte noch? Ich dachte, der wäre längst tot.“

So ähnlich ging es mir neulich, als ich irgendwo auf die Meldung stieß, es würden neue Folgen der „Lindenstraße“ gedreht. Ich hatte gedacht, die gäbe es seit langem nicht mehr, wurde jetzt aber – nicht unbedingt eines Besseren, aber doch eines Richtigeren belehrt. (Ich muß hinzufügen, daß ich den Fernseher vor Jahren abgeschafft habe, ergo über das aktuelle Fernsehprogramm schlichtweg nicht informiert bin). Früher, vor langer Zeit, habe ich die Lindenstraße gelegentlich gesehen, aber irgendwann gemerkt, daß im Grunde immer dasselbe kam. (Das ist nicht als Kritik gemeint, ganz im Gegenteil: man erwartet das von einer Serie. Man stelle sich vor, Captain Kirk hätte es mal nicht geschafft, die Welt zu retten). Wie ich jetzt bei Wiki las, existiert die Serie seit mehr als 30 Jahren; manch ein Schauspieler, der da mal als hoffnungsvolle junge Nachwuchskraft antrat, sieht mittlerweile der Rente entgegen. Man stelle sich das vor: 30 Jahre dieselbe Rolle in derselben Serie. Einerseits ist das das große Los – ein sicherer, gutbezahlter Job, wo man ohne große Anstrengung sein Geld verdient. Andererseits ist das problematisch. Man verwächst mit der Rolle, man wird unflexibel, kann nicht mehr auf andere Rollen umsteigen.

Exakt so kommt mir die aktuelle deutsche Politik vor. CDU, SPD etc. spielen seit Jahrzehnten das gleiche Stück, die Politiker seit Jahrzehnten dieselbe Rolle. Aber so langsam wird es dem Publikum zu langweilig. Er kennt die Serie nachgerade in- und auswendig. Es will was Neues, was Anderes sehen. Verständlicherweise stößt dieser Wunsch bei den Politikern auf entrüstete Ablehnung. „Was soll denn das?“ fragen sie mit Recht. „Wir spielen doch gut, wir beherrschen unsere Rollen, wir verstehen unser Metier. Über Jahrzehnte hinweg haben wir uns zur Perfektion entwickelt! Wir könnt ihr so undankbar sein, etwas Neues zu verlangen? Außerdem geht das gar nicht. Wir können keine anderen Rollen spielen. Das haben wir nie gelernt. Man verlangt auch nicht von Woody Allen, den Terminator zu spielen!“

Wohl wahr. Aber das ist eben das Blöde in einer Demokratie. Irgendwann bleibt das Publikum einfach weg und sieht sich nach anderen Schauspielern um.

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Autor: Stefan O. W. Weiss

Leon de Winter zählte die Kolumnen von David P. Goldman, besser bekannt unter seinem nom de plume „Spengler“, „zu den allerinteressantesten, die es weltweit zu lesen gibt“. Seine Texte, die er meist in „Asia Times“ und „PJMedia“ veröffentlicht, haben eine Leserschaft gefunden, die in die Hunderttausende geht. Er behandelt so verschiedene Themen wie Philosophie, Literatur, Wirtschaftswissenschaften, Theologie, Strategie, Weltpolitik, Musik und andere mehr mit gleicher Souveränität und Kompetenz. In Deutschland ist er ein Geheimtipp geblieben, bedauerlicherweise, da er ein vorzüglicher Kenner der deutschen Geistesgeschichte ist. Seine Essays über Wagner, Goethe, Schiller seien doch wenigstens en passant erwähnt. Um dem deutschen Leser die Lektüre zu erleichtern, beabsichtige ich, in diesem Blog seine Texte fortlaufend in Deutsche zu übersetzen. Ich habe dieses Projekt seit einigen Monaten verfolgt, der erste hier auf Deutsch veröffentliche Text stammt vom Oktober 2015. In den kommenden Wochen gedenke ich, seine nachfolgenden Texte in chronologischer Reihenfolge zu veröffentlichen, bis der Anschluss zu Gegenwart erreicht ist.

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