Vom Nutzen alter Bücher

Aus gegebenem Anlaß (ich schreibe an einer kleinen Kritik von Spengler) blätterte ich in den „Soziologischen Schriften“ Adornos, wo ich auf eine Passage stieß, die mir zu denken gab. In dem Aufsatz „Zur Logik der Sozialwissenschaft“, erschienen  1962, also vor mehr als einem halben Jahrhundert, schreibt er so ganz lässig im Vorbeigehen, dass die kapitalistische bzw. marktwirtschaftliche Gesellschaft zahlreiche „nicht-kapitalistische Enklaven“ enthalte. Er versteht darunter Räume oder Bereiche, in denen eben der Kapitalismus (noch) nicht herrscht. Er stellt dann die kluge Frage, ob dieser Kapitalismus nicht „solcher Enklaven, wie etwa die der Familie, zur eigenen Perpetuierung notwendig“ bedürfe? Adorno stellt also die Frage, ob nicht der Kapitalismus den Nichtkapitalismus braucht, um weiterexistieren? Zudem war er offensichtlich der Ansicht, dass die Familie (zur damaligen Zeit, also 1962) nicht kapitalistisch sei.

Wenn wir jetzt mal einen Blick auf unsere eigene Zeit werfen, sind die Veränderungen augenfällig. Die gesamte Familienpolitik der letzten Jahrzehnte hatte zum Ziel, die Familie, insbesondere die Frauen, an die Bedürfnisse der Marktwirtschaft anzupassen. Einerseits mit Erfolg: Nie in der deutschen Geschichte (jedenfalls soweit die Statistiken zurückreichen) sind so viele Frauen berufstätig gewesen wie heute. Andererseits ist die Familie heute nur noch ein Schatten dessen, was sie mal war. Die Scheidungsraten explodieren, die Kinderzahlen sind so tief wie nie zu vor, die Zahl der unehelichen Kinder erreicht Rekordhöhen und – vielleicht am schwerwiegendsten – immer weniger Menschen entschließen sich überhaupt, eine Ehe einzugehen. In den vergangenen Jahrzehnten ist die Familie gründlich durchkapitalisiert worden. Vom Bund fürs Leben ist sie das Zusammenwohnen zweier Lebensabschnittspartner geworden.

Freilich, bevor der Kapitalismus sich da triumphierend die Hände reibt, sollte er Adorno lesen. Dann wüsste er, dass er intakte Familien braucht, um weiterzuexistieren. Wie ich schon schrieb: Die Kinderzahlen sind so tief wie nie zuvor; erstmals in der Weltgeschichte ist eine Bevölkerung, die weder unter Krieg noch unter Seuchen leidet, nicht Willens oder nicht der Lage, sich selbst zu reproduzieren. Was aber macht der Kapitalismus, wenn ihm Konsumenten und Produzenten einfach wegsterben und nicht ersetzt werden? Darüber sollte er mal nachdenken.

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Autor: Stefan O. W. Weiss

Leon de Winter zählte die Kolumnen von David P. Goldman, besser bekannt unter seinem nom de plume „Spengler“, „zu den allerinteressantesten, die es weltweit zu lesen gibt“. Seine Texte, die er meist in „Asia Times“ und „PJMedia“ veröffentlicht, haben eine Leserschaft gefunden, die in die Hunderttausende geht. Er behandelt so verschiedene Themen wie Philosophie, Literatur, Wirtschaftswissenschaften, Theologie, Strategie, Weltpolitik, Musik und andere mehr mit gleicher Souveränität und Kompetenz. In Deutschland ist er ein Geheimtipp geblieben, bedauerlicherweise, da er ein vorzüglicher Kenner der deutschen Geistesgeschichte ist. Seine Essays über Wagner, Goethe, Schiller seien doch wenigstens en passant erwähnt. Um dem deutschen Leser die Lektüre zu erleichtern, beabsichtige ich, in diesem Blog seine Texte fortlaufend in Deutsche zu übersetzen. Ich habe dieses Projekt seit einigen Monaten verfolgt, der erste hier auf Deutsch veröffentliche Text stammt vom Oktober 2015. In den kommenden Wochen gedenke ich, seine nachfolgenden Texte in chronologischer Reihenfolge zu veröffentlichen, bis der Anschluss zu Gegenwart erreicht ist.

5 Kommentare zu „Vom Nutzen alter Bücher“

    1. Die Entwicklung geht wohl in allen „westlichen“ Ländern in diese Richtung. Aber in Deutschland ist es extrem. Ich weiß leider nicht mehr wer das geschrieben hat: Der Grundfehler der Deutscher ist, dass sie nicht maßhalten können. Weder im Guten, noch im Bösen.

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      1. Das ist doch der bekannte zweite demographische Übergang. Nachdem der Kapitalismus ein globales Phänomen ist, dürften es ihm in diesem Jahrtausend jedoch weder an Produzenten noch an Konsumenten fehlen. Der typische Audi-Käufer heißt dann nicht mehr Meier, sondern Singh oder Li, aber das juckt den Kapitalismus wohl kaum. Deutschland ist in seiner Perspektive eine – vielleicht historisch halbwegs interessante – Marginalie.

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