Spengler und Richelieu

Zu den Punkten, die ich an Spengler sympathisch finde, gehört, dass er seinerseits den Deutschen mit offenkundiger Anteilnahme und Sympathie gegenübersteht. Dagegen ist sein Urteil über Frankreich – so mein Eindruck – erheblich strenger; meine Gemahlin – sie ist Französin – war wegen eines Textes, in dem er einige nicht ganz unkritische Dinge über Frankreich und die Franzosen schreibt, schon ziemlich sauer auf ihn. Der Grund für diese unterschiedliche Bewertung scheint mir darin zu liegen, dass seiner Ansicht nach ein Franzose der böse Bube der europäischen Geschichte ist (es kann nicht immer Adolf sein). Als diesen hat er den Kardinal Richelieu (1585-1642) ausgemacht (ja, der aus den „Drei Musketieren“), den leitenden Minister Frankreichs unter König Ludwig XIII. Dem Kardinal Richelieu wirft Spengler vor, als erster den mittelalterlichen Konsens gebrochen zu haben, dass die Religion wichtiger als die Nationalität ist (siehe hier und hier). Mit Richelieu beginnt – seiner Ansicht nach – jene verhängnisvolle Entwicklung, in der jede der großen europäischen Nationen sich selbst für Gottes auserwähltes Volk hielt, und meinte, den anderen ihre Herrschaft aufzwingen zu müssen. Hintergrund dieses Vorwurfs ist Richelieus Politik im Dreißigjährigen Krieg, in dem er, ein Kardinal (!) erst die protestantischen Schweden gegen die katholischen Österreicher unterstützte, dann selbst in den Krieg eingriff. Das ist eine These, die ich als Historiker, der sich freilich nie näher mit Richelieu beschäftigt hat, nicht direkt für falsch, aber doch für übertrieben halte. Zumindest in der deutschen Forschung pflegt man eher die unsinnige Politik der deutschen Fürsten für das Desaster, das der Dreißigjährige Krieg zweifellos für Deutschland bedeutet hat, verantwortlich zu machen. Immerhin schließt sich beides ja nicht aus.

Spenglers Quelle ist auch keine Fachliteratur, sondern ein historischer Roman: Aldous Huxley „The Grey Eminence. Biography Father Joseph“, erschienen im Jahre 1941. Eine deutsche Übersetzung erschien unter dem Titel „Die Graue Eminenz. Ein Leben zwischen Religion und Politik“. Der „Père Joseph“ (Vater Joseph), um den es geht, war ein Kapuzinermönch und ein enger Mitarbeiter Richelieus, sozusagen sein Geheimdienstchef oder sein Mann für die Drecksarbeit. Als historische Gestalt ist er faszinierend und eignet sich vorzüglich für einen Roman, indes, wie meist bei solchen Leuten, ist die Quellenlage schlecht, weiß man wenig Sicheres und haben auch schon die Zeitgenossen viel zusammenfantasiert. Ich kenne einiges von Huxley, dieses Buch allerdings nicht. Immerhin, Spengler hat mich motiviert, mir Richelieu und Joseph mal etwas näher anzusehen.

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Autor: Stefan O. W. Weiss

Leon de Winter zählte die Kolumnen von David P. Goldman, besser bekannt unter seinem nom de plume „Spengler“, „zu den allerinteressantesten, die es weltweit zu lesen gibt“. Seine Texte, die er meist in „Asia Times“ und „PJMedia“ veröffentlicht, haben eine Leserschaft gefunden, die in die Hunderttausende geht. Er behandelt so verschiedene Themen wie Philosophie, Literatur, Wirtschaftswissenschaften, Theologie, Strategie, Weltpolitik, Musik und andere mehr mit gleicher Souveränität und Kompetenz. In Deutschland ist er ein Geheimtipp geblieben, bedauerlicherweise, da er ein vorzüglicher Kenner der deutschen Geistesgeschichte ist. Seine Essays über Wagner, Goethe, Schiller seien doch wenigstens en passant erwähnt. Um dem deutschen Leser die Lektüre zu erleichtern, beabsichtige ich, in diesem Blog seine Texte fortlaufend in Deutsche zu übersetzen. Ich habe dieses Projekt seit einigen Monaten verfolgt, der erste hier auf Deutsch veröffentliche Text stammt vom Oktober 2015. In den kommenden Wochen gedenke ich, seine nachfolgenden Texte in chronologischer Reihenfolge zu veröffentlichen, bis der Anschluss zu Gegenwart erreicht ist.

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