Vom Nutzen alter Bücher – Karl May, oder: Antikolonialismus und Sklaverei

Gestern las ich diesen Artikel in SPON; er handelt von dem seinerzeit berühmten Afrikaforscher Gustav Nachtigal (1834-1885), der neuerdings als „umstritten“ bezeichnet wird. Grund dafür ist, dass er eine – nicht sehr bedeutende – Rolle bei der Gründung der deutschen Kolonie Südwestafrika gespielt hat. Darum wird er heute als „Kolonialherr der übleren Sorte“ geschmäht, verlangt man in Berlin, den nach ihm benannten „Nachtigalplatz“ umzubenennen.

Dass dies Unsinn ist, wird in dem zitierten Artikel gut begründet, er sei ausdrücklich zur Lektüre empfohlen. Gleichwohl ist er ein guter Anlass, das Phänomen des Kolonialismus etwas genauer ins Auge zu fassen. Heute gilt dieser als verdammenswertes Verbrechen, jemanden „Kolonialist“ zu nenne, wäre eine schwere Beleidigung. Dabei übersieht man freilich, dass es seinerzeit sehr gute, nämlich humanitäre Gründe für die Kolonialisierung Afrikas gab (dass es auch andere, höchst unhumanitäre gab, leugne ich damit nicht), nämlich den Kampf gegen die Sklaverei. Der gesamte afrikanische Raum südlich der Sahara war Jagdgebiet für Sklavenjäger, die dort Menschen einfingen, um sie auf den Sklavenmärkten der muslimischen Staaten nördlich der Sahara zu verkaufen. Das ist ein Phänomen, das seinerzeit gut bekannt war, heute aber aus politischer Korrektheit gerne totgeschwiegen wird.

Für jemanden freilich, der in seiner Jugend Karl May gelesen hat, nämlich „Die Sklavenkarawane“ und „Im Lande des Mahdi“, ist obiges nichts Neues. Ein kleines Zitat:

Reis Effendiana: „Allerdings. Und diese Bewandtnis hängt sehr eng mit dem Buche, welches ich schreiben will, zusammen. Ich will es dir erklären. …. Der Sklavenhandel ist verboten, wird aber noch immer betrieben. Du hast gar keine Ahnung, wie viel Menschen jährlich an demselben zu Grunde gehen!“

Kara ben Nemsi: „Ob ich es weiß, das sollst du sogleich erfahren. Sprechen wir nur von Ägypten, wo doch der Sklavenhandel aufgehoben ist. Vom obern Nil werden jährlich 40000 Sklaven über das rote Meer geführt. Davon gehen 16000 in andere Gegenden, 24000 aber nach Ägypten. Dazu kommen 46000, welche auf dem Nile und auf Landwegen nach Nubien und Ägypten geführt werden. Dieses Land erhält also über 4 Hafenplätze und auf 14 Landrouten jährlich 70000 Sklaven. Nun muß man rechnen, daß auf einen verkauften Sklaven vier andere kommen, welche während der Sklavenjagd getötet werden oder während des Transportes umkommen. Das ergiebt den fürchterlichen Schluß, daß die Sudanländer allein für Ägypten jährlich 350000 Menschen einbüßen. Soll ich weiter sprechen, nicht bloß von Ägypten allein?“

Er sah mich mit weit geöffneten Augen an und antwortete nicht.

Kara ben Nemsi: „Soll ich dir sagen, daß die Harems von Konstantinopel von zehn- bis vierzehnjährigen tscherkessischen Sklavinnen wimmeln, für welche man pro Stück zwanzig Thaler zahlt, während sie noch vor kurzem achtmal teurer waren? Wie viele Neger und Negerinnen wird es da erst geben? Und dabei versichern uns die Gesandtschaften der hohen Pforte, daß der Sklavenhandel nicht mehr existiere!“

(zit. nach Im Lande des Mahdi, Kap. 2 hier).

Unter Karl May-Experten ist seit langem bekannt, dass Mays Vorbild für die Gestalt des Kara ben Nemsi deutsche Afrikaforscher wie Gustav Nachtigal oder Gerhard Rohlfs waren, Männer, die – vielfach als Araber und Muslime verkleidet – den Orient bereist und dort das Phänomen der afrikanischen Sklaverei selbst mitangesehen hatten. Sie zeichnet sich durch entschiedene Ablehnung der Sklaverei aus und setzten ihre Popularität ein, um gegen diese öffentlich Stellung zu nehmen.

Freilich, was konnte man tun? Die internationale Antisklavereibewegung hatte es durchgesetzt, dass auch manche islamische Staaten die Sklaverei offiziell verboten, de facto aber änderte das nichts (wie Kara ben Nemsi mit Recht bemerkt). Letztlich lief es darauf hinaus, den Südsahararaum zu kolonialisieren, um dort die Sklaverei abzuschaffen. Vor allem England war hier vorbildlich, hat in seinen afrikanischen Kolonien Sklaverei, Sklavenjagd und Sklavenhandel von Anfang an unterbunden; die anderen europäischen Kolonialmächte folgten zögernder, aber sie folgten.

Insofern sollte man das Phänomen der Kolonialisierung Afrikas doch etwas differenzierter sehen, und aufhören, Tote zu attackieren, die sich seinerzeit um die Bekämpfung der Sklaverei verdient gemacht haben. Auch ist nicht zu übersehen, dass die Sklaverei vor allem in islamischen Staaten auch heute noch existiert, gerechtfertigt mit dem Vorbild von Mohammed, welcher selbst Sklaven besaß (Siehe hier). Auch dies ein Bereich, wo der Islam reformbedürftig ist. Während jedoch die islamische Sklaverei im  19. Jahrhundert breite Aufmerksamkeit fand und Kritik auslöste (ja sogar Stoff für populäre Abenteuerromane bot), wird sie heute totgeschwiegen. Die Berliner Linken und Grünen, die sich da gerade über Gustav Nachtigal ereifern, fänden hier ein geeignetes Betätigungsfeld.

Ach ja, wer etwas Wissenschaftliches dazu lesen will, der greife zu diesen Buch.

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Autor: Stefan O. W. Weiss

Leon de Winter zählte die Kolumnen von David P. Goldman, besser bekannt unter seinem nom de plume „Spengler“, „zu den allerinteressantesten, die es weltweit zu lesen gibt“. Seine Texte, die er meist in „Asia Times“ und „PJMedia“ veröffentlicht, haben eine Leserschaft gefunden, die in die Hunderttausende geht. Er behandelt so verschiedene Themen wie Philosophie, Literatur, Wirtschaftswissenschaften, Theologie, Strategie, Weltpolitik, Musik und andere mehr mit gleicher Souveränität und Kompetenz. In Deutschland ist er ein Geheimtipp geblieben, bedauerlicherweise, da er ein vorzüglicher Kenner der deutschen Geistesgeschichte ist. Seine Essays über Wagner, Goethe, Schiller seien doch wenigstens en passant erwähnt. Um dem deutschen Leser die Lektüre zu erleichtern, beabsichtige ich, in diesem Blog seine Texte fortlaufend in Deutsche zu übersetzen. Ich habe dieses Projekt seit einigen Monaten verfolgt, der erste hier auf Deutsch veröffentliche Text stammt vom Oktober 2015. In den kommenden Wochen gedenke ich, seine nachfolgenden Texte in chronologischer Reihenfolge zu veröffentlichen, bis der Anschluss zu Gegenwart erreicht ist.

9 Kommentare zu „Vom Nutzen alter Bücher – Karl May, oder: Antikolonialismus und Sklaverei“

  1. nach dem lesen stellen sich mir einige fragen und anmerkungen.
    weißt du noch wann die usa die sklaverei abschafften? sie haben sich doch auch reichlich in afrika mit sklaven eingedeckt.
    dass auf historische persönlichkeiten eingedroschen wird, finde ich ebensfalls nicht in ordnung. was so alles der political correctness geopfert wird ist echt ätzend.
    die engländer mögen in afrika die sklaverei abgeschafft haben, doch südafrika zeichnete sich mit der apartheid auch nicht als menschlich ab, nicht wahr?
    deine histrorischen beiträge möchte ich nicht missen, danke.

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    1. Die USA haben die Sklaverei 1865 abgeschafft. Allerdings war die Einfuhr von Sklaven aus Afrika schon vorher verboten waren, vor allem auf Druck Englands hin, das seine Kriegsmarine gegen Sklavenschiffe eingesetzt hat.
      Und in Südafrika war die Apartheid im 19. Jahrhundert weniger schlimm als im 20. als Südafrika praktisch unabhängig war.
      Und du hast schon Recht, die Lücken im historischen Wissen sind erstaunlich. Der alte Karl May war besser informiert als so mancher Heutige.

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  2. @Geno: Ja und nein. Lincoln hat 1862 alle Sklaven in den USA (genauer gesagt in den Südstaaten, nicht in den Nordstaaten) durch eine „Executive Order“ befreit. Das ist aber noch kein Gesetz. Definitiv abgeschafft wurde die Sklaverei dann 1865 durch den 13. Verfassungszusatz.

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  3. In unserer Nachbargemeinde wurde vor kurzem die Wernher-von-Braun-Straße umbenannt. Die Nazivergangenheit des Raketenforschers war für ein paar linke Aktivisten 45 Jahre nach der Benennung der Straße nicht mehr zu ertragen. Die große Mehrheit der Bevölkerung hatte wohl kein Problem mit dem Straßennahmen, sondern ist klammheimlich sogar ein bisschen Stolz auf Brauns Beitrag zur Mondlandung. Um Wohl das Heraufziehen des vierten Reiches zu verhindern, wurde die Umbenennung ohne große Debatte vom Stadtrat abgesegnet. Eine Befragung der Bevölkerung konnte glücklicherweise verhindert werden. Was dabei herauskommt, hat man ja erst vor kurzem wieder in den Niederlanden gesehen.
    Man kann schon das Gefühl bekommen, dass momentan versucht wird eine damnatio memoriae über alle Personen und Ereignisse unserer Geschichte zur verhängen, welche nicht den heutigen Standards der political correctness genügen.

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  4. Karl May wurde bestimmt nicht nur, weil er die Feder in die Wunden Afrikas steckte, von gewissen Herren verfolgt. Auch den Spruch: „Nur ein toter Indianer ist ein guter Indianer.“ legte er an die Kette. Als Bertha Sophia Felicita Freifrau von Suttner ihn nach Wien einlud, war auch der Pöbel gegen ihn zugange (aus Brigitte Hamann „Hitlers Wien). Am meisten liebe ich sein Rechtfertigungsgedicht, es sagt alles:

    Was klingen doch von allen, allen Seiten
    Für liebesarme Stimmen auf mich ein!
    Daß ich ein Mensch bin, kann ich nicht bestreiten,
    Doch man befiehlt, ich soll ein Engel sein.
    Wer seid denn Ihr, die über mich ihr richtet,
    Obwohl von Euch kein Einziger mich kennt?
    Wer hat mir Eure Fehler angedichtet,
    Indem er sie so kühn die meinen nennt?
    Ich frage nicht, um Euch hier anzuklagen,
    Denn was Euch fehlt, die Nachsicht, macht mich still.
    Ich habe nur das Einzige zu sagen,
    Daß ich um Folgendes Euch bitten will:
    Verzeiht mir, daß ich bin und daß ich lebe,
    Genau so schwach, so fehlerhaft wie Ihr!
    Indem ich meine Fehler Euch vergebe,
    Verzeih ich als die Eurigen sie mir!
    Karl May

    Grüße aus Dobl
    Antonius Theiler

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      1. Hallo Stefan O. W. Weiss,
        es gibt eine Digitale Bibliothek, da kannst du die Gesamtausgabe Karl May für 10 € erstehen. http://www.versand-as.de/
        Mit der Suchtechnik ist es einfach alles zu finden und zu erfahren, dass in seinem Werk z.B.
        Hadschi 1687 x und wo vorkommt
        Giaur 248 x
        Allah 4282 x
        Sklavenjäger 228 x
        Prophet 216 x
        usw.
        Achtung es besteht Suchtgefahr!

        Grüße aus Dobl
        Antonius Theiler

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